Live-Unterricht vs Selbstlernen: was bei 720 UE funktioniert
Eine Weiterbildung mit 720 Unterrichtseinheiten (UE) besteht typischerweise aus rund 60 Prozent Live-Unterricht und rund 40 Prozent Selbstlernen. Beide Anteile sind wichtig, haben aber sehr unterschiedliche Funktionen. Live-Unterricht liefert Struktur, Gruppe und sofortige Rückfragen. Selbstlernen liefert Vertiefung, eigene Projekte und die notwendige Denkzeit.
In meinen Beratungsgesprächen ist Selbstlernen oft der unterschätzte Teil. Viele unterschätzen, wie viel Eigenarbeit neben dem Live-Unterricht nötig ist, und überschätzen, was reines Videoschauen allein bewirken kann. Dieser Artikel ordnet beides konkret ein.
Live-Unterricht bei 720 UE
Live-Unterricht heißt: Du sitzt zu festen Zeiten im Videochat, ein Dozent unterrichtet, eine Gruppe arbeitet mit. Bei 720 UE Gesamtumfang sind das rund 420 Zeitstunden (560 UE) über 16 Wochen. Verteilt auf Montag bis Freitag ergibt das etwa 25 bis 30 Stunden Live pro Woche.
Ein typischer Live-Tag besteht aus vier Blöcken à 90 Minuten. Der Dozent erklärt, zeigt Demos, baut mit der Gruppe Übungen, teilt dich in Kleingruppen auf, gibt Feedback. Das unterscheidet Live-Unterricht klar von Konservenvideos.
Selbstlernen in der Praxis
Selbstlernen umfasst alle Phasen, in denen du nicht im Videochat bist. Typische Aktivitäten:
- Hausaufgaben aus dem Live-Unterricht fertigstellen
- Eigene Prozessmodelle bauen, eigene Workflows automatisieren
- Portfolio-Stücke dokumentieren und Screenshots erstellen
- Zusatz-Lesematerial durcharbeiten
- Wiederholung schwieriger Themen
Selbstlernen ist nicht „frei”. Es ist strukturiert durch Aufgaben, die der Dozent vergibt, und durch klare Abgabetermine. Ohne diese Struktur zerfällt die Zeit, und der Lernerfolg sinkt.
Zeitverteilung über einen Tag
| Zeitraum | Aktivität | Dauer |
|---|---|---|
| 8:30 bis 9:00 | Einloggen, kurze Vorbereitung | 30 Min |
| 9:00 bis 12:30 | Live-Unterricht (2 Blöcke) | 210 Min |
| 12:30 bis 13:30 | Mittagspause | 60 Min |
| 13:30 bis 16:30 | Live-Unterricht (2 Blöcke) | 180 Min |
| 16:30 bis 18:00 | Eigenarbeit, Hausaufgaben, Portfolio | 90 Min |
Das ergibt etwa 6,5 Stunden Live und 2 Stunden Selbstlernen pro Werktag. In den ersten Wochen reicht das meist. Ab Modul 5 (dem großen Werkzeuge-Modul) wird die Eigenarbeit oft länger, weil Übungs-Workflows Zeit brauchen.
Die Grenzen von reinem Selbstlernen
Selbstlernen allein funktioniert für einzelne Fachgebiete bei sehr disziplinierten Menschen. Bei 720 UE in 16 Wochen ist es praktisch nicht machbar. Drei Gründe dafür.
Ohne festen Rahmen fehlt die Struktur. Wer ohne festen Rahmen lernt, verschiebt schwierige Themen, hängt bei Fragen und verliert mit der Zeit den Überblick über das Ganze.
Komplexe Themen wie BPMN-Modellierung oder Prompt Engineering lernst du nicht allein. Du brauchst jemanden, der dir zeigt, dass dein Prompt zu vage ist, oder dass dein Prozessmodell ein Schleifenproblem hat.
Der letzte Grund ist die Gruppe. In meinen Kursen höre ich regelmäßig: „Der größte Aha-Moment kam nicht vom Dozenten, sondern von einem Kollegen, der die Aufgabe ganz anders gelöst hat.” Das passiert nur in der Gruppe.
Die Grenzen von reinem Live-Unterricht
Umgekehrt gilt genauso. Wer nur Live-Unterricht hat und keine Eigenarbeit macht, bekommt die Inhalte nicht in den eigenen Arbeitsfluss. Live-Unterricht ist wie ein guter Vortrag. Du verstehst alles im Moment, aber ohne Übung bleibt wenig hängen.
Die Regel aus der Lernforschung ist einfach. Wissen wird dann zu Können, wenn du es selbst anwendest. Das braucht Zeit, Ruhe und Fehler. Ein Workflow klappt beim ersten Bauen fast nie. Erst nach zwei oder drei Durchgängen sitzt die Logik.
Realistische Selbstlernzeit
Plane im Schnitt zwei Stunden pro Tag ein, also zehn Stunden pro Woche zusätzlich zum Live-Unterricht. Das ergibt rund 160 Stunden über die gesamten 16 Wochen, was gut zu den rund 120 bis 160 UE Selbstlernen passt.
In Wochen mit Portfolio-Abgaben oder Projekt-Arbeit kann die Eigenarbeit auf drei bis vier Stunden pro Tag ansteigen. Das ist normal und gehört dazu. In ruhigen Wochen reicht eine Stunde.
Was beim Selbstlernen trägt
Drei einfache Prinzipien helfen in der Praxis:
- Feste Eigenarbeits-Zeiten. Nicht „wenn Zeit ist”, sondern „täglich von 17 bis 19 Uhr”. Das ist die einzige Technik, die wirklich trägt.
- Klare Mini-Ziele. Jede Eigenarbeits-Session hat ein konkretes Ergebnis. Nicht „n8n lernen”, sondern „einen Webhook-Workflow fertig bauen”.
- Lernpartner. Wer sich mit einem Kursteilnehmer regelmäßig austauscht, bleibt dran. Das kann per Chat sein oder ein kurzer täglicher Videocall.
Mehr dazu im Artikel zu Online-Lerntechniken. Wer den Ablauf einer 4-Monats-Weiterbildung kennen möchte, findet ihn dort. Der Vergleich Vollzeit und berufsbegleitend ist ein guter Anschluss, wenn du herausfinden willst, welches Format zu deinem Leben passt. Unsere kompakte Einordnung steht in der Pillar zur Weiterbildung im Detail.
Eine neutrale Einordnung zum Format von Online-Weiterbildungen gibt die Bundesagentur für Arbeit. Für die rechtliche Seite sieh dir die Übersicht zu AZAV und Trägerzulassung auf bmwk.de an.
FAQ zu Live-Unterricht und Selbstlernen
Ist Selbstlernen mit Konservenvideos möglich?
Manche Anbieter setzen fast ausschließlich auf Videos. Das ist für Crashkurse zu Einzelthemen okay, für eine 720-UE-Weiterbildung mit Abschlussprojekt aber nicht empfehlenswert. Die Abbruchquote in solchen Formaten ist hoch.
Wie viele Stunden pro Tag ist ein Vollzeit-Kurs?
Insgesamt rund acht Stunden: sechseinhalb Stunden Live plus rund zwei Stunden Eigenarbeit. Das ist vergleichbar mit einem Bürojob, aber kognitiv anstrengender, weil konzentriertes Lernen den ganzen Tag anders ermüdet als Routine-Arbeit.
Kann ich das Selbstlernen auf den Abend verschieben?
Ja, viele machen das. Wichtig ist, dass du es überhaupt machst. Wer die Eigenarbeit vor sich herschiebt, hängt nach drei Wochen hinterher.
Was passiert, wenn ich eine Eigenarbeit nicht abgebe?
Je nach Anbieter: Rücksprache mit dem Dozenten, Nachfrist, im Zweifel Wiederholung der Aufgabe. Bei geförderten Kursen (Bildungsgutschein) ist Anwesenheit und Mitarbeit Pflicht, sonst wird die Förderung gefährdet.
Ist Selbstlernen schwerer als Live?
Für die meisten ja. Live hat Struktur, Selbstlernen verlangt Eigenmotivation. Wer sich damit schwer tut, sollte die Eigenarbeit mit einem Partner koppeln oder feste Zeiten nutzen.
Über den Autor
Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger nach AZAV. Er ist promovierter Naturwissenschaftler und arbeitet seit über zehn Jahren an der Schnittstelle von Bildung und Digitalisierung. Mehr zum Autor auf der Autoren-Seite.
Zuletzt geprüft am 14. April 2026 von Dr. Jens Aichinger. Kontakt und Terminbuchung über skill-sprinters.de/termin.
Vor der Buchung: die richtigen Fragen stellen
Wie hoch der Live-Anteil eines Kurses ist und wie viel Eigenarbeit du einplanen musst, solltest du vor jeder Buchung erfragen. Unser kostenloses PDF „27 Fragen, die du jedem Anbieter stellen solltest” gibt dir die passenden Fragen an die Hand.
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